Digitale Medien - Kritik

Digitale Tools sind flexibel und eine wichtige Perspektive für die Zukunft des Lernens und Lehrens. Doch oft steckt unter den dicken Sprechblasen lediglich ein Vakuum. So warnt Jöran Muuß-Merholz vor sinnlosem Medieneinsatz und der Verwendung digitaler Medien als "Shut up toy":
Eltern/ Pädagogen geben Kindern digitales Gerät als "Shut up toy". Statt Schnuller.
Vielleicht sollte man das (auch) im Hinterkopf haben, wenn Lobeshymnen auf digitale Unterrichtsmedien gesungen werden.

Die Fetischisierung digitaler Tools kritisiert Maik Riecken, wenn er fragt:
"Papier im Unterricht - sinnvoll oder nicht?" - Wann reden wir mal über Didaktik und nicht Geräteklassen?
Da hat er völlig Recht. Wenn Sie ins Klassenzimmer kommen und sagen "Die Schüler haben gerade mit den iPads gearbeitet", wird man Ihnen zu Füßen liegen. Wenn Sie sagen "Die Schüler haben gerade mit dem Overheadprojektor gearbeitet", wird man denken, Sie sind nicht ganz richtig im Kopf.

Wenn Sie noch mehr Futter für Ihr "Neue Medien sind böse"-Zentrum im Gehirn brauchen, können Sie mal ein wenig auf einer der angesagten Live-Streaming-Plattformen rumhängen. Ein Beispiel von YouNow:
YouNow-Screenshot, Vorschaubild
YouNow-Screenshot, Vorschaubild

Ein 16-jähriges Mädchen unterhält sich mit einer anonymen Person (deren Äußerungen am rechten Rand des Screenshots, sie antwortet in die Cam). Er findet, dass es Zeit wird, dass sie "es" einmal macht, denn: "zu jung gibst nicht." Sie findet das alles offensichtlich auch noch ganz in Ordnung. Wirklich: Höchste Zeit für mehr Medienpädagogik in der Schule!

Digitale Medien - Tools und Tipps

Die Dienstälteren unter uns halten eine kurze Schweigeminute ab: Vor 36 Jahren, am 01.07.1979, stellte Sony den ersten Walkman vor. Auch das hat die Eltern damals völlig fertig gemacht - alle Kids konnten plötzlich überall Musik hören und mittels Kopfhörer die Belehrungsversuche der Erwachsenenwelt abschalten.
Sony Walkman
Sony Walkman

(Bild: flickr-User Mike Licht: Sony Walkman: It's Alive!, CC BY 2.0)

Kurt Söser freut sich auf Microsoft Class Dashboard - eine Plattform zur Unterrichtsorganisation und -zusammenarbeit. Läuft übrigens nur mit Microsoft Office. Doch auch andere sind nicht faul - Apple und IBM entwickeln angeblich ein Tool, das Lehrer/innen dabei hilft, die Leistung ihrer Schüler/innen zu analysieren, zu beurteilen und möglicherweise in Echtzeit (d.h.: im Unterricht) Tipps für die Unterrichtsgestaltung gibt - die "Student Achievement App". Läuft übrigens nur auf Apple-Hardware (Hinweis von @FloydderFriseur).

Das spontane Verteilen von WLAN-Passwörtern kann durchaus mal stressig sein. Die Lehrerrundmail schlägt vor, das einfach über QR-Codes zu erledigen - was wirklich eine gute Idee ist: QR-Code für’s WLAN-Passwort

Haben Sie übrigens Angst, dass der Desktop-PC ausstirbt? Kathrin Passig hat Schüler/innen gefragt, die meinten:
Smartphone ist Kommunikation, PC entweder Arbeit oder Spiel.
bzw.
Computer sei nur ein Werkzeug und nicht zum Spaß da.
Natürlich kann man auch mit dem iPad arbeiten oder mit dem PC skypen. Aber möglicherweise sehen wir hier einen interessanten Trend: Den Rechner schalte ich an, wenn ich ein Referat vorbereiten muss, mit dem Mobilgerät chille ich auf dem Sofa. Das würde erklären, warum sich Schüler/innen freuen, wenn die Lehrer/in mit einem Wagen voller Tablets in den Unterricht kommt.

OER

Berlin baut eine Plattform für OER:
Schaut man auf die OER-Aktivitäten der 16 Bundesländer, so findet man in Berlin den ambitioniertesten Ansatz. Hier wird derzeit nicht nur eine zentrale Infrastruktur für freie Bildungsmaterialien entwickelt, sondern auch ein Konzept, das einen kulturellen Wandel in Schulen vorantreiben soll. Im Interview mit Jöran Muuß-Merholz spricht Mark Rackles sogar eine heilige Kuh an: Lehrkräfte könnten indirekt auch für die Entwicklung von freien Lehr-Lern-Materialien bezahlt werden.
Ausführliches Interviewgespräch zwischen Mark Rackles, Staatssekretär für Bildung in Berlin und Jöran Muuß-Merholz. Via @dunkelmunkel

Die Unterrichtsmaterial-Plattform segu-geschichte.de wurde komplett neu gestaltet, die Lernmodule sind jetzt für die Verwendung mit digitalen Medien aufbereitet (können aber auch ausgedruckt werden). Auch wer nicht Geschichte unterrichtet - segu ("selbstgesteuert entwickelnder geschichtsunterricht") ist ein best-practice-Beispiel für eine strukturierte Lernplattform mit offenen Unterrichtsmaterialien.
Screenshot: segu-geschichte.de
Screenshot: segu-geschichte.de